Regional Dialogues: 2002
Die Gemeinschaft der Heiligen als Gabe und Aufgabe

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Die Gemeinschaft der Heiligen als Gabe und Aufgabe

Nachdem sich die Gemeinsame Kommission bisher mit den Gaben des Heiligen Geistes befasst und in ihren Dokumenten auf deren Bedeutung für das Leben der Kirche hingewiesen hat, richtet sich ihre Aufmerksamkeit diesmal auf Menschen, die in ihrem Leben das Antlitz Gottes sichtbar machten, da sie aus der Kraft des Glaubens und der heiligen Sakramente bzw. Mysterien lebten. In ihnen, die wir in unserer gemeinsamen Tradition als Heilige verehren, wird besonders deutlich, dass die durch menschliches Versagen verursachten Mauern der Trennung zwischen den Kirchen nicht bis in den Himmel reichen. Daher wenden wir uns diesen Frauen und Männern, diesen bei Gott vollendeten Gerechten, in folgenden Schritten zu:

  1. Die Gemeinschaft der Heiligen nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift und der gemeinsamen orthodoxen und römisch-katholischen Tradition
  2. Die geschichtliche Entfaltung der Heiligenverehrung in Ost und West
  3. Ost und West verbindende Heilige und Heiligenfeste
  4. Praktische Anregungen

1. Die Gemeinschaft der Heiligen nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift und der gemeinsamen orthodoxen und römisch-katholischen Tradition

Die Christen bekennen sich in Ost und West von Anfang an einmütig zum dreieinigen Gott, der der Heilige schlechthin und der Quell aller Heiligkeit ist. Gleichzeitig glauben sie, dass ihnen dieser Gott kraft der Erlösungstat Christi in besonderer Weise Anteil an Seiner Heiligkeit schenkt. Deshalb bezeichnen schon die inspirierten Autoren der neutestamentlichen Schriften ihre Mitchristen als Heilige. Nach dem Heimgang des Auferstandenen zum Vater vermitteln die Sakramente oder Mysterien der Kirche, insbesondere die Taufe und die Eucharistie, den Gläubigen in der Kraft des Heiligen Geistes ihren Anteil an dieser Heiligkeit. Bereits ein westliches Taufbekenntnis des ausgehenden 4. Jahrhunderts bezeugt daher den Glauben an die Gemeinschaft der Heiligen (griech.: κοινωνία των άγίων, lat. communio sanctorum) im Sinne einer Teilhabe der Gläubigen an der Heiligkeit Gottes, die in der Eucharistiefeier durch den Empfang der geheiligten Gaben (griech.: τά ἅγια, lat. sancta) von Leib und Blut Christi beständig erneuert wird.

In der heiligen Eucharistie erhalten die Gläubigen nicht nur Anteil an der Heiligkeit Gottes, sondern treten zugleich hin „zum Berg Sion [...], zur Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, zu Tausenden von Engeln, zu einer festlichen Versammlung und zur Gemeinschaft der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind; zu Gott, dem Richter aller, zu den Geistern der schon vollendeten Gerechten, zum Mittler eines neuen Bundes, Jesus, und zum Blut der Besprengung, das mächtiger ruft als das Blut Abels“ (Hebr 12,22–24).

Gemäß der Heiligen Schrift und der altkirchlichen Tradition versteht man unter der „Gemeinschaft der Heiligen“ also die sakramental vermittelte Gemeinschaft der Christgläubigen mit Gott und untereinander sowie ihre Zugehörigkeit zu der von Anbeginn der Welt um Ihn gescharten Versammlung, die Himmel und Erde, Engel und Menschen, Lebende und Verstorbene umfasst. Schon Niketas von Remesiana (gestorben nach 414) identifiziert sie mit der Kirche, wenn er schreibt: „Was ist die Kirche anderes als die Versammlung aller Heiligen (sanctorum omnium congregatio)? Denn vom Beginn der Welt an sind die Patriarchen Abraham und Isaak und Jakob wie die Propheten und Apostel und Märtyrer oder die übrigen Gerechten, die waren und sind und sein werden, die eine Kirche. Weil sie durch den einen Glauben und Wandel geheiligt sind, mit einem Geist gezeichnet, sind sie zu einem Leib gemacht. Dass das Haupt dieses Leibes Christus ist [Kol 1,18], wird überliefert und steht geschrieben. Ich sage mehr dazu: Auch die Engel, auch die Kräfte und die himmlischen Mächte [Kol 1,16] sind in dieser einen Kirche zusammengeschlossen. Der Apostel hat uns gelehrt, dass„in Christus alle versöhnt sind, nicht allein, die auf Erden sind, sondern auch die im Himmel“ [Kol 1,20]. Du glaubst also, dass du in dieser einen Kirche die Anteilhabe an den Heiligen (communionem sanctorum) erlangen wirst. Wisse also, dass es diese eine katholische Kirche ist, die auf dem ganzen Erdkreis gestiftet ist, deren Gemeinschaft (communionem) du fest zu bewahren hast“ (Niketas von Remesiana, Instructionis ad competentes liber 5,3,23–25).

Wer immer vor Gott gerecht war und ist, gehört also jener Gemeinschaft der Heiligen an, deren Haupt Christus und deren Leib die Kirche ist. Diese Glaubensüberzeugung bringt auch die Proskomidie (= Gabenbereitung) der orthodoxen eucharistischen Liturgie in bildhafter Sprache zum Ausdruck. Der orthodoxe Priester legt dabei nicht nur ein für die Konsekration vorgesehenes Brotstück, das für Christus stehende „Lamm“, auf den Diskos (= Patene), sondern auch aus Brot bestehende Partikel „zur Ehre und zum Gedächtnis unserer hochgepriesenen Herrin, der Gottesgebärerin und immerwährenden Jungfrau Maria“, zum Gedächtnis der Engel, verschiedener anderer Heiligengruppen sowie der Lebenden und Verstorbenen, um dadurch die um Christus versammelte Gemeinschaft der Heiligen zur Darstellung zu bringen.

In immer differenzierterer Form kommt in den vorgestellten Beispielen zur Sprache, dass es zwar nur eine Gemeinschaft der Heiligen, innerhalb derselben aber unterschiedliche Gruppierungen gibt. Ähnliche Differenzierungen, wenn auch bisweilen in anderer Reihenfolge, kennt auch die katholische Kirche, indem sie z. B. im eucharistischen Hochgebet (= Anaphora) Maria, die glorreiche, allzeit jungfräuliche Mutter unseres Herrn und Gottes Jesus Christus, ihren Bräutigam, den heiligen Josef, und namentlich genannte Apostel und Märtyrer kommemoriert.

2. Die geschichtliche Entfaltung der Heiligenverehrung in Ost und West

Im Licht des österlichen Glaubens an den Tod und die Auferstehung des Herrn und an den damit für alle Menschen errungenen Sieg des Auferstandenen über Leiden, Sünde und Tod verstehen die frühchristlichen Gemeinden den Todestag jedes Christen, vor allem aber den ihrer lokalen Apostel, Märtyrer und frühen Bischöfe, als „Geburtstag“ zum ewigen Leben. Sie halten daher die Sterbetage und die Namen dieser „geistlichen Vorfahren“ in lokalen Verzeichnissen fest und üben schon sehr früh den Brauch, sich alljährlich an den Todestagen dieser für sie so bedeutsamen Zeugen des Glaubens bei ihren Gräbern zur Feier der Eucharistie und zur Erinnerung an ihr Leiden zu versammeln. Aufgrund des Austausches zwischen den einzelnen Ortskirchen erfahren auch andere Gemeinden von andernorts gefeierten „himmlischen Geburtstagen“ und beteiligen sich an ihnen auf vielfältige Weise, etwa durch Besuch, Wallfahrt oder Gebetsgedenken. Im Zuge der immer mehr zur Großkirche zusammenwachsenden Ortskirchen entstehen daher vor allem an kirchlichen Zentren die so genannten Martyrologien, d. h. nach dem Jahreskreis geordnete Listen, die neben den lokalen Aposteln, Märtyrern und Heiligen auch die Namen und Sterbetage entsprechender auswärtiger Persönlichkeiten führen.

Von Bedeutung ist auch die frühchristliche Überzeugung, dass die Märtyrer ihren Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Herrn nur deshalb mit ihrem Leben bezeugen können, weil ihnen der Heilige Geist in besonderer Weise beisteht. Unsterblicher Leib, das Instrument ihres gläubigen Widerstands gegen den Absolutheitsanspruch der römischen Kaiser und unmenschliche Tendenzen der heidnischen Gesellschaft, gilt den frühen Christen daher als besonders geheiligter und verehrungswürdiger Tempel des Heiligen Geistes. Da sich manche Heilige – etwa Maria oder der Apostel Petrus – schon zu Lebzeiten als Vermittler oder Werkzeuge der göttlichen Wundermacht erweisen (vgl. Joh2,1–12; Apg 3,1–10), pilgert man außerdem zu ihren Gräbern. Man erhofft sich vor allem an ihnen, aber auch in der von diesen Gräbern unabhängigen Beistandsbitte Gebetserhörungen und Wunder. Erste Anrufungen der MartyrerapostelPetrus und Paulus (vgl. Graffiti in der römischen Kirche S. Sebastiano) begegnen uns daher bereits im ausgehenden 3. Jahrhundert. Seither ziehen Rom, das Heilige Land, Kleinasien und viele andere Regionen mit Begräbnisstätten der Apostel und der Märtyrer große christliche Pilgerscharen an.

Nach dem Ende der Verfolgungen gilt die Verehrung der Christen auch den Gräbern heiliger Asketen und Mönche, die – wie z. B. der Vater der Mönche Antonius der Große († 356), die Klostergründerin Makrina († 380) oder der Mönchsbischof Martin von Tours († 397) – mit ihrer Gottesliebe ein offenes Herz für den Nächsten verbinden und auch nach ihrem Tod den Menschen diese Aufgeschlossenheit durch Wohltaten und Wunder erweisen. Schon lange vor dem 431 gefeierten ökumenischen Konzil von Ephesus, auf dem mit dem Geheimnis der Menschwerdung des Gottessohnes auch die Gottesmutterschaft Mariens tiefer erfasst wird, suchen die Gläubigen vermehrt Zuflucht bei Maria. Aufgrund ihrer bisherigen positiven Erfahrungen mit heiligmäßigen Menschen wenden sich die Gläubigen – über Maria, die Apostel, Märtyrer, Nonnen und Mönche hinaus – ab dem frühen Mittelalter allmählich auch an weitere Frauen und Männer, in deren Leben das Ostergeheimnis nach ihrer Überzeugung besonders deutlich aufleuchtet, und besuchen ihre Gräber und Reliquien. Hinzu kommt die Hoffnung, auf die Fürsprache eines Heiligen von Krankheiten geheilt, aus schwierigen Situationen errettet oder in scheinbar unlösbaren Entscheidungen erleuchtet zu werden. Zahlreiche Wunderberichte legen für die Erfüllung dieser Hoffnungen Zeugnis ab. Nur einem bestimmten Heiligen zugeschriebene Wunder verleihen ihm darüber hinaus ein eigenes Profil, das ihn später zum Patron für besondere Anliegen macht.

Vor diesem Hintergrund erwacht unter den Gläubigen allmählich der Wunsch, neben der Ruhestätte der Heiligen begraben zu werden oder ihre Segen spendenden Reliquien zu besitzen. Zu diesem Zweck werden die Leiber mancher Heiliger erhoben (Elevation), vor Ort oder auswärts an einen für die Verehrung geeigneten Ort übertragen (Translation) und dort beigesetzt (Deposition). Darüber hinaus erwerben seit dem 4. Jahrhundert einzelne Christen, aber auch bedeutendere Städte Märtyrer- und Heiligenreliquien sowie durch Berührung geheiligte Tücher und Gegenstände und bergen sie in ihren Kirchen unter oder im Altar. Dieser Brauch, der letztlich auf die jährlich am Gedenktag abgehaltene Eucharistiefeier am Martyrergrab zurückgeht, führt in Ost und West dazu, dass im Rahmen einer Altarweihe bis auf den heutigen Tag Märtyrer- oder Heiligenreliquien im Altar beigesetzt werden. Im übrigen wird die eucharistische Liturgie des Ostens stets auf dem entfalteten Antiminsion gefeiert, auf jenem leinenen und oft mit Seide gefütterten Altartuch, das Reliquien enthält, vom Bischof geweiht ist und als Tragaltar verwendet werden kann.

Schließlich sind noch jene Orte zu nennen, an denen die Erscheinung der Muttergottes oder verschiedener Engel und Heiliger zu einer Wallfahrt führt. Zu den ältesten zählen heilige Stätten wie Chonai in Kleinasien, die mit der Erscheinung des Erzengels Michael in Verbindung gebracht werden. Ebenso erscheint der Erzengel Ende des 6. Jahrhunderts auf dem Monte Gargano in Apulien, so dass sich dort noch heute eine der lebendigsten Wallfahrtsstätten Italiens befindet. Im Mittelalter und vor allem in der Neuzeit entstehen schließlich im christlichen Westen eine Reihe von Gnadenorten, die auf Marienerscheinungen zurückgehen (vgl. z. B. Guadalupe in Mexiko 1531, Lourdes 1858, Fatima 1917).

In Ost und West gibt es seit vielen Jahrhunderten Heiligenbilder. Ein Spezifikum dieser Art stellt die vor allem im Osten beheimatete Heiligenikone dar. Zwar halten die Christengenerationen der ersten Jahrhunderte an der alttestamentlichen Scheu, Gott im Bilde darzustellen, fest. Im Licht der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus gelangen östliche Theologen aber schon sehr früh zu der Einsicht: Weil Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist, weil die Schrift Jesus in diesem Sinne als „Bild des unsichtbaren Gottes“ (Kol 1,15) bezeichnet, darum darf man die zweite göttliche Person im Bilde darstellen und folgerichtig auch die Muttergottes und die Heiligen, die ihre Heiligkeit von Gott empfangen. Hinzu kommt die philosophische Erkenntnis, dass jedes Bild an der Wirklichkeit des Abgebildeten Anteil hat. Unter dieser Voraussetzung äußert schon Gregor von Nyssa († nach 394) seine für die christliche Bilderverehrung richtungsweisende Erfahrung, die er selbst beim Anschauen eines religiösen Bildes – es ist die Darstellung der Opferung Isaaks – macht: Indem sich der Schauende vom Bild ergreifen lässt, wird er auf den Weg zum Urbild gewiesen und für dieses begeistert (Gregor v. Nyssa, De deitate Filii et Spiritus Sancti). Vor diesem mystischen Hintergrund ist es verständlich, dass die Bilder Christi, vor allem die Bilder der Muttergottes mit Kind und bisweilen auch die der Heiligen bereits im 5. Jahrhundert in östlichen Kirchen verehrt werden. Da bei einigen dieser heiligen Bilder die Gebete der Gläubigen besonders häufig erhört werden oder sogar Wunder geschehen, nimmt ihre Verehrung rasch zu und lässt sie – wie das bei Ikonen des Antlitzes Christi schon sehr früh der Fall ist (vgl. µανδήλιον-Ikone) – zum Ziel von Wallfahrten werden. Die Verehrung gilt freilich nicht dem Bild, sondern der auf ihm dargestellten Person, was sich auch in der ausdrücklich vorgeschriebenen Beschriftung des Bildes mit dem Namen des entsprechenden Heiligen bemerkbar macht. Denn die Verehrung, die man dem Bild erweist, geht – wie das siebte ökumenische Konzil 787 – im Aufgreifen früherer kirchlicher Überzeugungen betont auf das Urbild über: Wer das Bild verehrt, der verehrt die darauf dargestellte heilige Person und damit letztlich Gott. Im mitteleuropäischen Abendland setzt sich die Verehrung und die Wallfahrt zu heiligen Bildern – hauptsächlich zu Gnadenbildern und Statuen der Muttergottes – erst seit dem Mittelalter durch. So ist etwa das Gnadenbild in der Alten Kapelle zu Regensburg im 13. Jahrhundert entstanden und die Wallfahrt zum Bild Unserer Lieben Frau von Altötting im Jahre 1489.

Im Zuge der fortschreitenden Heiligenverehrung entstehen im westlichen Mittelalter die so genannten „historischen Martyrologien“, in denen die Angaben über Name, Sterbedatum und Bestattungsort eines Heiligen durch weitere Nachrichten zu einem kurzen Lebensabriss zusammengefasst werden. Neben dem ausführlichen historischen Martyrologium des Beda Venerabilis († 735) ist hier vor allem das zwischen 859 und 877 mehrmals überarbeitete Martyrologium des Usuard von Saint-Germain-des-Pres zu nennen, das bis vor kurzem wesentliche Grundlage des Martyrologium Romanum bildete und im Jahre 2001 durch eine erneuerte Ausgabe ersetzt wurde. Seine Verlesung ist heute in der Regel im Morgengottesdienst (Laudes) vorgesehen.

Eine ähnliche Entwicklung führt im griechischen Osten zur Entstehung des Synaxarions. Dieses Buch leitet seinen Namen von der seit dem 4. Jahrhundert im griechischen Osten üblichen Versammlung (Synaxis) am Märtyrer- oder Heiligengrab ab, bei der anlässlich des Jahresgedächtnisses eines Heiligen aus dessen Leidensgeschichte (Passio) oder Lebensbeschreibung (Vita) vorgelesen wurde. Seit dem 9. Jahrhundert in überregionalen Sammlungen zusammengefasst, werden diese Texte in stark gekürzter Form in die liturgischen Bücher aufgenommen und bis auf den heutigen Tag im orthodoxen Morgengottesdienst (Orthros) verlesen. Unter den verschiedenen Textversionen des Synaxarions setzt sich seit dem 16. Jahrhundert in den gedruckten Büchern eine in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts entstandene Fassung durch.

Im christlichen Altertum und im frühen Mittelalter findet die Heiligkeit eines Verstorbenen in der Regel ihre Bestätigung durch die Verehrung der Gläubigen, die vom Ortsbischof anerkannt oder geduldet wird. Diese amtlich anerkannten Heiligen werden häufig von anderen Ortskirchen übernommen. Formell wird im Westen erstmals Ulrich von Augsburg († 973) 1036 auf der Synode von Tribur heilig gesprochen. Um Missbräuche zu verhindern, kommt es Ende des 12. Jahrhunderts im Westen zu einer Zentralisierung der Heiligsprechungsgewalt in den Händen des Papstes und gleichzeitig zu einem institutionalisierten und in der Neuzeit mehrmals differenzierter geordneten Heiligsprechungsverfahren, bei dem neben Lebenswandel und Glauben des Heiligen zunächst vor allem ein auf seine Fürsprache geschehenes, glaubwürdig bezeugtes Wunder eine Rolle spielt. Auf lokaler Ebene bleibt dennoch die volkstümliche Verehrung heiligmäßiger Menschen erhalten, was wiederum zur Institutionalisierung des Seligsprechungsprozesses führt. Doch existieren auch andere Formen, wie etwa die nachträgliche römische Bestätigung der bereits längere Zeit üblichen Mess- und Stundengebetstexte von lokalen Seligen.

Die orthodoxe Kirche praktiziert kein ähnliches Heiligsprechungsverfahren, auch wenn in einigen seltenen Fällen vergleichbare Elemente des Vorgehens vorkommen. So lässt die Synode des Ökumenischen Patriarchats, die 1368 die Aufnahme des Gregorios Palamas († 1359) in den Heiligenkalender der Kirche von Konstantinopel beschließt, Berichte über den verschiedenenorts verbreiteten Kult des Heiligen und über von ihm bewirkte Wunder bestätigen; das geschieht allerdings nur, weil einige Personen Zweifel geäußert haben. In der heutigen orthodoxen Praxis bleibt in der Regel die Verehrung eines Heiligen, der aufgrund seines Martyrertodes, der Orthodoxie seines Glaubens, seines Gottwohlgefälligen Lebens und der durch ihn bewirkten Wunder anerkannt ist, zunächst auf jene Eparchie (Diözese) bzw. – in einer zweiten Stufe – auf jene autokephale Kirche beschränkt, in der er hauptsächlich gelebt und gewirkt hat.

Das Konzil von Trient reagiert in der Mitte des 16. Jahrhunderts auf Angriffe der Reformationszeit, indem es – über das Gedächtnis der Heiligen und ihre Verehrung als Vorbilder hinaus – den Gläubigen auch die übrigen Elemente der bisher geübten Heiligenverehrung, nämlich die Anrufung der Heiligen als Fürsprecher sowie die Verehrung ihrer Reliquien und Bilder empfiehlt. Damit schließt es sich dem letzten, gemeinsam mit der Ostkirche gefeierten ökumenischen Konzil an, das 787 zu Nizäa formuliert: „Wie die Gestalt des kostbaren und lebendig machenden Kreuzes werden die verehrten und heiligen Bilder [...] in den heiligen Kirchen Gottes, auf heiligen Geräten und Gewändern, Wänden und Tafeln, Gebäuden und Wegen angebracht, und zwar das Bild unseres göttlichen Herrn und Erlösers Jesus Christus, unserer makellosen Gebieterin, der heiligen Gottesgebärerin, der verehrungswürdigen Engel und aller Heiligen und Seligen. Je häufiger sie nämlich durch eine bildliche Gestalt angeschaut werden, desto mehr werden auch deren Betrachter angeregt, der Urgestalten zu gedenken und sich nach ihnen zu sehnen. Man grüßt sie und erweist ihnen achtungsvolle Verehrung“ (Horos der 7. Sitzung am 13. Oktober 787). Das II. Vatikanum betont wieder neu die schon in altkirchlicher Zeit erkannte Bedeutung der Heiligen für die Kirche. Als die bei Gott vollendeten Gerechten bilden sie nämlich zusammen mit den noch auf Erden pilgernden Gliedern der Kirche, denen sie sich solidarisch verbunden wissen, die eine Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen. So formuliert die Dogmatische Konstitution über die Kirche (Nr. 49): „Die Einheit der Erdenpilger mit den Brüdern, die im Frieden Christi entschlafen sind, hört keineswegs auf, wird vielmehr nach dem beständigen Glauben der Kirche gestärkt durch die Mitteilung geistlicher Güter. Dadurch nämlich, dass die Seligen inniger mit Christus vereint sind, festigen sie die ganze Kirche stärker in der Heiligkeit, erhöhen die Würde des Gottesdienstes, den sie auf Erden Gott darbringt, und tragen auf vielfältige Weise zum weiteren Aufbau der Kirche bei (vgl. 1Kor 12,12–27). Denn in die Heimat aufgenommen und dem Herrn gegenwärtig (vgl. 2 Kor 5,8), hören sie nicht auf, durch ihn, mit ihm und in ihm beim Vater für uns Fürbitte einzulegen.“ 

In der gegenwärtigen kirchlichen Praxis begegnet bereits der Täufling seinem christlichen Namenspatron. Die Gläubigen beider Kirchen ehren ihre Namenspatrone häufig in ihren Häusern und Wohnungen durch Ikonen, Bilder oder Statuen. Im Rahmen der orthodoxen Gottesdienstordnung bietet sich den Gläubigen täglich die Möglichkeit, ihre Tagesheiligen in spezifischen Gesängen zu feiern. In ähnlicher Weise sieht das erneuerte römisch-katholische Messbuch und ebenso das Stundenbuch – aufgrund der Betonung des Herrenjahres – zwar nicht für jeden, aber doch für die meisten Tage des Kirchenjahres das Gedächtnis von Heiligen vor, so dass die Gläubigen auf diese Weise viele Tagesheilige feiern können. Außerdem wird in den eucharistischen Hochgebeten bzw. Anaphoren beider Kirchen der Tagesheiligen gedacht. Beide Kirchen pflegen heute ein reiches kirchliches Brauchtum, das die Erinnerung an die Heiligen wach hält. Zu nennen sind an erster Stelle die bei den Gläubigen populären Feiern ihrer Namens- und Kirchenpatrone, die sie über die entsprechenden Heiligen hinaus an ihren Tauftag und an ihre Zugehörigkeit zu einer konkreten Kirchengemeinde erinnern. In der römisch-katholischen Kirche werden eine Reihe von Segnungen gespendet, die sich – etwa in Gestalt der Kindersegnung am Fest der unschuldigen Kinder, des Blasiussegens oder der Kräutersegnung am Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel – unter den Gläubigen mancherorts großer Beliebtheit erfreuen. Das Gleiche gilt z. B. für die orthodoxe Artoklasia, d. h. für die Segnung und Austeilung von Broten anlässlich eines Heiligenfestes. Besonders beliebt ist bei den Griechen die Vasilopitta, ein zu Ehren des heiligen Basilius (1. Januar) hergestelltes Gebäck, oder bei den Serben die Slava, ein Fest zu Ehren des Familienpatrons. In der römisch-katholischen Volksfrömmigkeit gelten Mai und Oktober als Muttergottes-Monate, die von spezifischen, bisweilen sehr populären Andachten (Maiandacht, Oktoberrosenkranz) geprägt sind. Mit diesem Brauchtum kann man auf orthodoxer Seite z. B. das Apostelfasten vor dem Fest der Apostel Petrus und Paulus (29. Juni) oder den Muttergottes-Monat August vergleichen, wobei letzteren Wallfahrten, besondere Gottesdienste (Parakleseis) und das Fasten vor dem Fest der Entschlafung der Gottesmutter (15. August) charakterisieren. Schließlich blüht in beiden Kirchen bis auf den heutigen Tag ein reiches Wallfahrtswesen zu den Stätten der Heiligen, unter denen die Heiligtümer der Muttergottes einen besonderen Rang einnehmen.

Die Heiligenverehrung trägt also in Ost und West viele grundlegende gemeinsame Züge. Das heißt nicht, dass es keine Unterschiede gibt; doch müssen diese einander nicht gegenseitig ausschließen, sondern können jeweils die Schwesterkirche bereichern. Daher ist es sinnvoll, im Folgenden einer Reihe von Heiligen zu gedenken, deren Verehrung beide Kirchen noch mehr miteinander verbinden kann.

3. Ost und West verbindende Heilige und Heiligenfeste

An den Hochfesten des Kirchenjahres feiern orthodoxe und römisch-katholische Christen die zentralen Geheimnisse ihrer Erlösung. Diese kommen – im Heilswerk Christi tief verwurzelt – besonders deutlich in den Festen Seiner Geburt, Seines Leidens, Seiner Auferstehung, Seiner Himmelfahrt sowie im Pfingstfest und wöchentlich in der Sonntagsfeier zum Ausdruck. Darüber hinaus teilen beide Kirchen den Glauben, dass sich das Paschamysterium ihres gemeinsamen Herrn im Leben, aber auch in den Festen und Gedenktagen Seiner Heiligen widerspiegelt. In diesem Sinne verehren sie an erster Stelle die Muttergottes, die durch das Wirken des Heiligen Geistes ihren Herrn und Erlöser empfangen und geboren hat.

3.1 Die Muttergottes

„Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir“ (Lk 1,28). Mit diesen Worten begrüßt der Erzengel Gabriel Maria im Lukas-Evangelium. Als Mariengruß des Akathistos-Hymnus und des Ave Maria des Rosenkranzes sind diese Worte des Erzengels auch bei den Gläubigen beider Kirchen sehr beliebt. Darüber hinaus weisen sie dem orthodoxen und dem römisch-katholischen Beter den Weg zur Beantwortung der Frage, warum Maria in ihren Kirchen so hoch verehrt wird. Denn Maria erwidert den Gruß des Erzengels mit den Worten: „Ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lk 1,38). Damit öffnet sie sich vorbehaltlos der vom dreieinigen Gott gewünschten Gemeinschaft mit seiner Schöpfung. Beide Kirchen identifizieren sie daher mit jener vom Propheten Jesaja verheißenen Jungfrau, aus der der Messias geboren werden soll (vgl. Lk 1,26–35 u. ö.). Folglich bekennen sie im nizäno-konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis, dass Gottes Sohn „vom Heiligen Geist und der Jungfrau Maria Mensch geworden“ ist. In freier Entscheidung lässt sich Maria nämlich von Gott in den Dienst nehmen und ermöglicht so das Heilswerk des Sohnes Gottes, der als ihr eigener Sohn auch Sohn der Menschen ist.

Weil der Menschensohn zugleich Gottes Sohn ist, wird Maria im Jahre 431 auf dem -ökumenischen Konzil von Ephesus zu Recht als Gottesgebärerin (griech.: θεοτόκος lat.: Dei genetrix) gefeiert. Trotz dieser Auserwählung bleibt die Gottesgebärerin als Geschöpf mit der Schöpfung solidarisch verbunden. Auf dieser Linie liegt ihr vermittelndes, auf Christus, den einzigen Mittler, hinweisendes Handeln, wie es etwa auf der Hochzeit von Kana deutlich wird (vgl. Joh 2,1–12). Dadurch werden die Gläubigen beider Kirchen ermutigt, Maria als Fürsprecherin anzurufen. Die Anrufung und Verehrung der heiligen Jungfrau und Gottesmutter Maria ist freilich stets in Verbindung mit der von ihr ermöglichten Menschwerdung Gottes in Jesus Christus zu sehen; „denn wofür wir den Wohltäter preisen, dafür preisen wir auch seine Mutter zusammen mit ihm“ (Basilius von Seleukia, Oratio 39,2). 

Beide Kirchen feiern Maria bis auf den heutigen Tag in vielen gemeinsamen Festen. So bringt z. B. der orthodoxe Festtagshymnus zum 8. September die Freude der Gläubigen über die Geburt der Gottesmutter folgendermaßen zum Ausdruck:

„Deine Geburt, Gottesgebärerin,
hat dem ganzen Erdkreis Freude verkündigt.
Denn aus dir ging auf die Sonne der Gerechtigkeit,
Christus, unser Gott.
Er nahm den Fluch hinweg, brachte den Segen
und zerstörte den Tod,
schenkte uns ewiges Leben.“

Wie der christliche Osten feiert auch die römisch-katholische Kirche am 8. September das Geburtsfest der Gottesmutter und besingt sie im Morgengottesdienst mit dem gleichen Hymnus. Daher eignet sich dieses Fest besonders gut für eine gemeinsame Feier der beiden Kirchen zu Ehren und zum Gedächtnis Mariens. Ähnliches gilt für das Fest Maria Himmelfahrt bzw. Maria Entschlafung am 15. August.

Eindrucksvoll vermitteln auch die Ikonen der Gottesmutter mit dem Jesuskind die Botschaft von der wirklichen Menschwerdung des göttlichen Logos aus Maria. Vor diesem Hintergrund eröffnet sich die Möglichkeit gemeinsamer Wallfahrten zu Gnadenstätten, in deren Mittelpunkt Muttergottesikonen stehen, die – ob von deutschen Katholiken seit Jahrhunderten als Gnadenbilder verehrt oder neuerdings in orthodoxen Kirchen unseres Landes vertrauensvoll aufgesucht – als Zeugnisse gemeinsamen Glaubens angenommen werden können (z. B. Muttergottesikone der Alten Kapelle in Regensburg vom Typus der Hodegitria [Wegweiserin], Ikone Salus populi Romani als Bild der dreimal wunderbaren Mutter im Ingolstädter Münster, Muttergottesikone von der immerwährenden Hilfe in Redemptoristenklöstern und vielen Pfarrkirchen, Muttergottesikone in der orthodoxen St.-Andreas-Kirche von Düsseldorf, Muttergottesikone in der Kirche von Morsbach/Sieg).

3.2 Der heilige erstberufene Apostel Andreas

Das Markus-Evangelium zählt Andreas unter den Zwölfen zusammen mit Petrus, Jakobus und Johannes zu den vier vertrautesten Aposteln Jesu. Johannes charakterisiert ihn als den ersten Jünger, den der Herr in seine Nachfolge ruft. Zu Recht bezeichnet ihn die orthodoxe Tradition daher als den Erstberufenen (Пρωτόκλητος). Der unter den Gläubigen sehr bekannte Apostel gehört bis auf den heutigen Tag in beiden Kirchen zu den beliebtesten Namens- und Kirchenpatronen. Wie sein Bruder Simon, dem Jesus den Beinamen Petrus gibt, stammt er aus dem am See Tiberias gelegenen hellenistisch geprägten Fischerort Betsaida-Julias. Als sich Simon in Kafarnaum verheiratet, siedelt auch Andreas dorthin über und arbeitet zusammen mit ihm als Fischer. In dieser Zeit schließt er sich der Umkehrbewegung Johannes' des Täufers an, begegnet in diesem Kreis Jesus, folgt seinem Ruf und gewinnt auch Simon für ihn. Fortan begleitet er Jesus zusammen mit den anderen Jüngern und wird Zeuge seiner Frohen Botschaft und seines heilenden Wirkens. Dabei stellt er sich als Vermittler zwischen Jesus und hellenistischen Juden und Heiden zur Verfügung. Nach Ostern verkündet er – wie spätere Berichte überliefern – die Frohe Botschaft vor allem im vorderen Kleinasien, im südlichen Schwarzmeergebiet und in den unteren Donauländern. Nach alter Überlieferung soll er schließlich um 68 in Patrass an seinem X-förmigen Kreuz (Andreaskreuz) den Martyrertod erlitten haben. Seine Reliquien werden seit dem 4. Jahrhundert in der Apostelkirche von Konstantinopel verehrt. Dort ist er noch heute Hauptpatron des Ökumenischen Patriarchats. Bereits im 5. Jahrhundert lassen sich auch in Rom und Ravenna Kirchen nachweisen, die unter dem Patronat des Andreas stehen. Seither breitet sich seine Verehrung rasch in Ost und West aus. So ist Andreas heute Patron von Ländern und Regionen wie Griechenland, Russland, Schottland und Sizilien. Sein Fest wird in beiden Kirchen am 30. November begangen. Von großer Bedeutung war, dass Papst Paul VI. das Haupt des Andreas, das 1462 nach Rom gelangt ist, 1964 der Kirche von Patras zurückgibt. In diesem Geist überreicht auch Patriarch Athenagoras Papst Paul VI. eine Ikone, auf der die beiden Apostelbrüder Petrus und Andreas in brüderlicher Umarmung dargestellt sind. Diese versöhnlichen und freundschaftlichen Gesten entsprechen ganz dem vermittelnden Wesen des Apostels Andreas und eröffnen den beiden Schwesterkirchen neue Wege der Annäherung. So besuchen seither alljährlich Delegationen der römisch-katholischen Kirche und des Ökumenischen Patriarchats die jeweilige Schwesterkirche am Fest ihres apostolischen Hauptpatrons und bringen dadurch – analog zur beschriebenen Ikone – die gegenseitige brüderliche Zusammengehörigkeit zum Ausdruck. In diesem Sinne könnte St. Andreas die Gläubigen beider Kirchen an seinem Festtag schließlich daran erinnern, dass ihr gemeinsamer Glaube letztlich auf dem Fundament der Apostel gründet.

3.3 Die heilige apostelgleiche Maria Magdalena

Nach dem Zeugnis des Johannes-Evangeliums sendet der auferstandene Herr Maria Magdalena als erste Botin seiner Auferstehung zu den Brüdern. Sie erfüllt seinen Auftrag und gibt die Frohe Botschaft von Christi Auferstehung an die Jünger weiter (vgl. Joh 20,11–18). Diese Nachricht findet sich auch in Mk 16,9–11 und Mt 28,9 f., sodass schon Hippolyt von Rom († 235; vgl. Hippolyt von Rom, Kommentar zum Hohenlied 25,6) und nach ihm einige mittelalterliche Theologen des Ostens und des Westens Maria Magdalena „Apostelin der Apostel“ nennen. Die orthodoxe Gottesdienstordnung charakterisiert sie an ihrem Gedenktag (22. Juli) in ähnlicher Weise als „apostelgleiche“ (griech.: ἰσαπóστολος). Sie ist eine in beiden Kirchen bekannte und beliebte Heilige, über die uns die Heilige Schrift viel zu berichten weiß. Aus der wohlhabenden Stadt Magdala am Westufer des Sees Genesaret stammend, wird sie von Jesus geheilt und begleitet und unterstützt Ihn und die Jünger fortan zusammen mit an- deren Frauen. Die Evangelien nennen sie dabei stets an erster Stelle. Insbesondere bei der Kreuzigung, Grablegung und am leeren Grab sucht Maria Magdalena die Nähe Jesu und hält Ihm unverbrüchlich die Treue. Ost- und Westkirche gedenken ihrer daher vor allem in den Gottesdiensten des Osterfestkreises. Da ihr Fest in beiden Kirchen am 22. Juli begangen wird, eignet es sich besonders gut für eine gemeinsame Gedenkfeier zur Erinnerung an die ersten Zeugen und Verkündiger der Frohen Botschaft unseres Herrn.

3.4 Der heilige Martyrerbischof Klemens von Rom

Zu den frühen Märtyrern der Kirche, die ihren Glauben mit ihrem Leben bezeugen und daher als Heilige verehrt werden, zählt der Martyrerbischof Klemens von Rom († etwa 101). Er leitet zunächst zusammen mit einem Presbyterkollegium die römische Ortskirche, wird dann aber – nach dem Zeugnis einer glaubwürdigen Überlieferung des 5. Jahrhunderts – unter Kaiser Trajan um seines Glaubens willen nach Cherson auf der Krim verbannt. Dort wird er nach erneutem kirchlichen Wirken von den staatlichen Behörden zum Tod verurteilt, indem man ihn – mit einem Anker um den Hals – im Schwarzen Meer ertränkt. Brücken zwischen Ost und West schlägt Klemens durch seinen Verkündigungsdienst in Rom und Cherson. Das Gleiche gilt für seinen Brief, den er im Namen der römischen Kirche an die mit ihren Presbytern zerstrittene Kirche von Korinth schreibt; denn sein Schreiben erzielt bei den Korinthern offensichtlich eine so positive Wirkung, dass es die syrische und die ägyptische Kirche in der Spätantike sogar zu den kanonischen Schriften des Neuen Testaments zählen. Auch die zahlreichen in Ost und West unter dem Namen des Klemens verfassten Werke (pseudoklementinische Literatur) geben Aufschluss über das hohe Ansehen des Heiligen. Seine Lebensbeschreibung, die im orthodoxen Morgengottesdienst an seinem Gedenktag (24.11.) verlesen wird, beschreibt ihn als einen Verkündiger des Evangeliums, der die Anordnungen der Apostel getreulich aufgezeichnet hat. Spezifische Wunder, die der Fürsprache des Klemens zugeschrieben werden, wie die Errettung eines ertrunken geglaubten Kindes, lassen ihn im Westen vor allem zum Patron der Seeleute und Kinder, aber auch zum Fürsprecher bei Kinderkrankheiten, Wassergefahr, Sturm und Gewitter werden. Das Klemensgrab bei Cherson gerät zwar aufgrund von kriegerischen Wirren in Vergessenheit, wird aber von Kyrillos, dem Apostel der Slaven, im Jahre 861 wieder aufgefunden. Dieser lässt einen Teil der Reliquien in der Kathedrale von Cherson niederlegen und überführt zusammen mit seinem Bruder, dem späteren heiligen Slavenerzbischof Methodios, einen anderen Teil in die römische Basilika San Clemente. Darüber hinaus setzen die beiden Missionare weitere Klemensreliquien fruchtbar für die Slavenmission ein, so dass sich Klemens noch heute bei den orthodoxen und römisch-katholischen Slavenvölkern eines hohen Ansehens erfreut. Außerdem lässt Großfürst Vladimir – wohl im Zusammenhang mit seiner Taufe im Jahre 988 – Klemensreliquien von Cherson nach Kievübertragen. Daher sind die Mönche des Kiever Höhlenklosters noch heute davon überzeugt, in ihren Höhlen das Haupt des heiligen Klemens zu hüten. Als römischer Martyrerbischof, der von Orthodoxen und römischen Katholiken gleichermaßen als Heiliger verehrt wird, kann Klemens gewiss als ein besonders verständnisvoller Fürsprecher für die volle Kirchengemeinschaft zwischen unseren Kirchen angerufen werden.

3.5 Die heilige Klostergründerin und Nonne Makrina

Dem großen kappadokischen Kirchenvater Gregor von Nyssa († nach 394) verdanken wir die ansprechende Lebensbeschreibung seiner Schwester Makrina, einer frühen christlichen Klostergründerin. Sie bemüht sich in der nachkonstantinischen Friedenszeit, also in der Ära nach den blutigen Christenverfolgungen, als Asketin und Nonne um die Ablegung eines unblutigen Christuszeugnisses (griech.: μαρτύριον, lat. martyrium). 327 im Raum der kappadokischen Hauptstadt Neocäsarea geboren, wächst Makrina als ältestes von zehn Kindern in einer alten und vornehmen christlichen Familie auf, die christliche Märtyrer und Bekenner zu ihren Vorfahren zählt. Von ihrer frommen Mutter erzogen, lernt Makrina anhand der Psalmen und des Buches der Sprichwörter lesen und schreiben und erhält neben einer breiten Einführung in das Wissen ihrer Zeit auch eine praktische haushaltsorientierte Ausbildung. Nach dem Tod ihres Verlobten entscheidet sie sich für ein jungfräuliches Leben im Kreis ihrer Familie. Dabei steht Makrina ihrer früh verwitweten Mutter in allen Familienangelegenheiten, vor allem bei der Kindererziehung, mit Rat und Tat bei. So entwickelt sie sich zu einer Familienautorität, die auch den akademischen Hochmut ihres Bruders Basilius in die Schranken weist. Auf diese Weise führt sie ihn auf den Weg christlicher Bescheidenheit, der ihn mit Gottes Hilfe zu einem der größten Bischöfe und Theologen des christlichen Altertums heranreifen lässt. Selbst das hierarchische familiäre Sozialgefüge gestaltet Makrinazukunftsweisend um. Überzeugt sie ihre Mutter doch davon, „ihr gewohntes Leben aufzugeben, sowohl den prunkhaften Haushalt als auch die Bedienung durch Untergebene, [... und] stattdessen in ihrer Gesinnung mit dem einfachen Volke eins zu werden und ihr eigenes Leben mit dem der Jungfrauen zu vereinen, indem sie alle ihre Sklavinnen und Untergebenen zu gleich geachteten Schwestern machte“ (Gregor von Nyssa, Vita Macrinae 7,2–8). Mit dieser neu entstandenen monastischen Gemeinschaft von Gleichen verlässt Makrina ihre Heimat und zieht sich um 352 auf das abgeschiedene Landgut Annesi zurück, in dessen Nähe ihre Brüder Basilius und Gregor bald darauf ein Männerkloster gründen. Der Hauptakzent ihrer Klostergemeinschaft liegt zwar auf Gebet und Meditation. Doch sind die Schwestern auch zu Diensten an Waisen und Hungernden bereit und gewähren Gebet, Einkehr und geistliches Gespräch suchenden Christen liebenswürdige Gastfreundschaft. Innerhalb des Klosters, aber auch gegenüber Familienmitgliedern und Gästen bewährt sich Makrina als eine kraftvolle und gebildete geistliche Lehrerin und als eine im Sinne Christi handelnde barmherzige geistliche Mutter. Selbst auf ihrem Sterbebett vermag sie ihren Bruder Gregor im „Dialog über die Seele und über die Auferstehung“ eindrucksvoll zu trösten. In Gregors Gegenwart stirbt sie am 19. Juli des Jahres 380. Die orthodoxe und die römisch-katholische Kirche begehen bis auf den heutigen Tag an ihrem Todestag gemeinsam MakrinasGedächtnis. Sie sind mit der Heiligen auch durch die Tatsache verbunden, dass sie Makrina in neueren kirchlichen Verlautbarungen ausdrücklich als vorbildliche christliche Frau würdigen und empfehlen (vgl. Kommunique der Rhodoskonferenz 1988, Zur Stellung der Frau in der orthodoxen Kirche und zur Frage der Ordination von Frauen; Papst Johannes Paul II., Über die Würde und Berufung der Frau anlässlich des marianischen Jahres 1988). Da Makrina die zu ihrer Zeit neue mönchische Bewegung aufgegriffen und christlichen Frauen zugänglich gemacht hat, können sich beide Kirchen gewiss an ihrem Leben orientieren, wenn sie neuen geistlichen Bewegungen begegnen und sich um ihre Integration in die Kirche bemühen.

3.6 Der heilige Bischof Nikolaus von Myra

Der in Ost und West gleichermaßen beliebte heilige Nikolaus gilt im Bewusstsein der Gläubigen als der Bischof schlechthin. Dabei ist über ihn historisch wenig bekannt. Doch besteht kein Zweifel, dass Nikolaus ein sehr bedeutender Bischof seiner lykischen Heimat gewesen ist, der in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts der Kirche von Myra vorsteht und an einem 6. Dezember stirbt. Alle weiteren Nikolaus-Überlieferungen bringen in erster Linie zum Ausdruck, was das christliche Volk an einem Bischof besonders schätzt und verehrt. So erweist sich Nikolaus in der Erzählung, in der er drei armen jungen Mädchen zur Aussteuer und damit zu einer ehrenhaften Hochzeit verhilft, als „ein sichtbarer Abdruck des Erbarmens des Erlösers Christus mit uns“, so dass sich in seinem Handeln „die Klugheit eines Hirten für jene, die an der Seele krank sind,“ und „bischöfliches Geschick“ bemerkbar machen (vgl. Vita per Michaelem18). Ebenso zeigt er sich, wie eine andere Erzählung überliefert, um das leibliche Wohl seiner hungernden Gemeinde besorgt. Der gütige und freigebige geistliche Hirte hat freilich nichts von einem schwachen Bischof an sich. Um unschuldig verurteilte Feldherren zu retten, tritt er den Mächtigen dieser Welt – und wenn es Kaiser Konstantin selbst ist - mutig, unnachgiebig und mit Erfolg entgegen. Auch die Gewalten der Natur schrecken Nikolaus nicht ab. So steht er in Seenot geratenen Seeleuten auf ihren Hilferuf hin so tatkräftig zur Seite, dass sie wieder Mut fassen und mit vereinten Kräften den rettenden Hafen erreichen. In gleicher Weise bewährt er sich in den Stürmen der arianischen Glaubenswirren, indem er als „Richtschnur des Glaubens“ (Hymnus des orthodoxen Nikolausfestes) auf der Seite der rechtgläubigen Väter von Nizäa steht. Vor allem bleibt Nikolaus immer bescheiden und verweist diejenigen, die ihm danken wollen, auf ihren eigentlichen „Bischof und Hirten“ (l Petr 2,25): „Bitte erkennt euch selbst, meine Kinder“, ruft er den geretteten Seeleuten zu, „und richtet eure Herzen darauf, dem guten und erbarmungsreichen Herrn und Erlöser eurer Seelen zu gefallen“ (Vita per Michaelem 36). Auf diese Weise macht er zugleich deutlich, aus welcher Quelle er selbst seine Kräfte schöpft. Im Anschluss an die drei ältesten Erzählungen wird Nikolaus vor allem Patron der Gefangenen und Seeleute, während er im abendländischen Adventsbrauchtum die Züge eines Gabenspenders und eines Schutzherrn der Kinder trägt. Schließlich bezeugen die berühmten Nikolauswallfahrten nach Myra und zu seinen Reliquien nach Bari und vor allem die unzähligen Nikolaus- bzw. Nikolaikirchen in ganz Europa die nach wie vor große Beliebtheit des Heiligen. Sein gemeinsames Fest am 6. Dezember könnte beide Kirchen zusammenführen und kurz vor dem Geburtsfest unseres Herrn dazu anregen, Möglichkeiten in der gegenwärtigen deutschen Gesellschaft zu suchen, um durch ihren gemeinsamen Dienst „die Güte und Menschenliebe Gottes, unseres Retters“ (Tit 3,4; vgl. 2. Lesung der römisch-katholischen Weihnachtsmesse am Morgen) deutlich in Erscheinung treten zu lassen.

3.7 Die heilige Kaiserin Helena

Die orthodoxe Kirche begeht am 21. Mai das Gedächtnis „der heiligen, ruhmreichen, großen, von Gott gekrönten und apostelgleichen Kaiser Konstantin und Helena“. Sie verehrt also zusammen mit Konstantin, der als erster römischer Kaiser das Christentum als erlaubte Religion (lat.: religio licita) fördert, auch seine Mutter Helena als Heilige. Die katholische Kirche feiert St. Helenas Gedenktag am 18. August. Um 248 wahrscheinlich in dem kleinasiatischen Städtchen Drepanon geboren und dort als Herbergswirtin tätig, geht Helena – gemäß dem damaligen staatlichen Recht – mit dem hohen römischen Offizier Konstantius Chlorus aus Standesgründen eine eheähnliche Verbindung ein, aus der um 272/73 ihr Sohn Konstantin hervorgeht. Nach seinem Aufstieg zum Caesar muss sich Konstantius Chlorus 289 von Helena trennen, so dass sie erst wieder in Erscheinung tritt, als ihr Sohn Konstantin 306 Kaiser des weströmischen Reiches wird und seine Mutter zu sich in seine Residenzstadt Trier oder ab 312 in die Reichshauptstadt Rom holt. Früher und eindeutiger als Konstantin entscheidet sich Helena für den christlichen Glauben. Als Konstantin im Jahre 324 Alleinherrscher des römischen Reiches wird, steigt Helena zur Kaiserin (lat.: Augusta) auf. Sie erhält neben zahlreichen Privilegien auch die Verfügungsgewalt über den kaiserlichen Schatz, was wiederum das von Neid und negativen Gerüchten geprägte Helenabild der noch weitgehend heidnischen Geschichtsschreiber der zeitgenössischen Oberschicht erklärt. Im Gegensatz dazu manifestiert sich Helenas Frömmigkeit in häufigem Kirchenbesuch in betont schlichter Kleidung und in der Stiftung und reichen Ausstattung von Kirchen, unter denen vor allem die Geburtskirche in Betlehem und die römische Basilika Santa Croce in Gerusalemme zu nennen sind. Ihre Hochherzigkeit und Wohltätigkeit machtsich in tatkräftiger Hilfe für Arme und Bedrängte, in der Befreiung von Gefangenen aus Kerkern und Bergwerken und in der Rückberufung von Verbannten bemerkbar. Die letzten Jahre ihres Lebens nutzt Helena, um als christliche Pilgerin die ehrwürdigen Stätten des Heiligen Landes zu besuchen, indem sie „den Fußstapfen des Erlösers die gebührende Verehrung erwies, nach dem Worte des Propheten, der da sagt: ,Lasst uns anbeten an dem Orte, an dem seine Füße gestanden‘“ (Eusebius von Cäsarea, Vita Constantini 3,42,2). Mit dieser Wallfahrt wird auch die Auffindung des heiligen Kreuzes durch Helena in Verbindung gebracht. Die Ikonen zeigen sie daher in der Regel, wie sie zusammen mit ihrem Sohn Konstantin den Gläubigen das Kreuz unseres Erlösers zur Verehrung entgegenhält. Im Alter von etwa achtzig Jahren stirbt Helena schließlich um 328/29. So förderlich sich die Gesetzgebung und die Kirchenpolitik ihres kaiserlichen Sohnes auf die allmähliche Christianisierung des römischen Reiches auswirkt, so unverzichtbar sind für die Einwurzelung des Christentums Frauen wie Helena, die durch unaufdringliche Frömmigkeit und hochherzige Wohltätigkeit die christliche Botschaft unermüdlich, glaubwürdig und – wie ihre Verehrung als Heilige zeigt – wirkungsvoll bezeugen. Die fromme Wallfahrerin Helena kann die beiden Kirchen z. B. zu einer gemeinsamen Wallfahrt nach Trier anregen; denn dort erinnert die Konstantinsbasilika an ihren Sohn, während die Tradition Helena seit dem Mittelalter mit dem heiligen Rock und den Reliquien des heiligen Apostels Matthias in Verbindung bringt.

3.8 Die heiligen Lehrer der Slaven Kyrillos und Methodios

Der europäische Einigungsprozess, der nach der politischen Wende in Mittel- und Osteuropa eine neue Dimension erhalten hat, rückt auf der Suche nach tragenden Perspektiven der Europäischen Union zwei griechische Missionare in den Blick, die in beiden Kirchen als Heilige verehrt werden: die aus Thessaloniki stammenden Brüder Kyrillos und Methodios, die neben dem heiligen Benedikt von Nursia als Patrone Europas gelten. In einer spannungs- und konfliktgeladenen Zeit, in der auch die Einheit der Kirche ernsthaft bedroht ist, übernehmen sie ihren Missionsauftrag und begeben sich im Frühjahr 863 nach Mähren, um dort das Volk in seiner eigenen Sprache im christlichen Glauben zu unterweisen. So legen sie - in Anlehnung an das griechische Alphabet — den Grund zur altslavischen Schrift und damit überhaupt zur Entstehung der slavischen Literatur. Sie werden daher zu Recht als Lehrer und Apostel der Slaven geschätzt und verehrt. In ihrer Mission setzen sie sich für die Achtung der kulturellen Identität und die Gleichwertigkeit aller Völker ein, die unterschiedslos zum Heil berufen sind. Diese Überzeugung unterstreicht die Lebensbeschreibung des heiligen Kyrillos, der seinem Gegner in einem Streitgespräch zu Venedig folgende Frage entgegenhält: „Kommt nicht der Regen von Gott, und zwar in gleicher Weise über alle? Scheint nicht ebenso die Sonne auf alle (vgl. Mt 5,45), und atmen wir nicht alle in gleicher Weise die Luft?“ (Kyrillos-Vita § 16). Über

alle nationalen Rivalitäten und kirchlichen Auseinandersetzungen hinweg setzen sie ihr Werk der Verkündigung des Evangeliums fort und verstehen sich nicht nur als Missionare der Kirche von Konstantinopel, sondern als Geistliche, die im Dienst der ganzen Kirche stehen. So zögern sie nicht, sich mit den kostbaren Reliquien des heiligen Martyrerpapstes Klemens nach Rom zu begeben, wo ihnen Papst Hadrian II. zusammen mit dem römischen Klerus und zahlreichen Gläubigen bis vor die Tore der Stadt entgegengeht und sie ehrenvoll empfängt. Während Kyrillos in Rom stirbt und dort an der Seite des heiligen Klemens in der Basilika San Clemente bestattet wird, nimmt das Begräbnis des Methodios im mährischen Velehrad die Züge einer Feier an, in der sich der Gedanke des einen Glaubens in der Vielfalt der kulturellen Traditionen eindrucksvoll konkretisiert; denn „nachdem ihn seine Schüler aufgebahrt hatten, erwiesen sie ihm würdige Ehre. Sie verrichteten das kirchliche Offizium lateinisch, griechisch und slavisch und setzten ihn dann in der Kathedralkirche bei“ (Methodios-Vita § 17). Kyrillos und Methodios, den großen Heiligen Europas, war es zu Lebzeiten nicht vergönnt, ungeteilte Zustimmung zu ihrem missionarisch-kulturellen Werk zu erfahren. Die zweieinhalbjährige Verbannung des heiligen Methodios in ein schwäbisches Kloster und die Vertreibung seiner Schüler gleich nach seinem Tod (885) verhinderten einen Brückenschlag zwischen den auseinanderdriftenden Blöcken von Ost- und Westeuropa. Umso mehr ermutigt uns heute ihr Gedächtnis (14. Februar in der katholischen und 11. Mai in der orthodoxen Kirche), nach ihrem Beispiel der Verwirklichung der sichtbaren kirchlichen Einheit und der christlichen Völkergemeinschaft zu dienen.

4. Praktische Anregungen

Die gemeinsame Verehrung der Heiligen kann das Miteinander der beiden Schwesterkirchen bereichern und ihre Verbundenheit vertiefen.

An erster Stelle sollte ihre Übereinstimmung in Verständnis und Verehrung der Heiligen in Gottesdiensten zum Ausdruck kommen, z. B.:

  • in der Einladung zur Mitfeier der Heiligenfeste,
  • in der Einladung zur Mitfeier der besonderen Marien-Gottesdienste und Marienmonate der jeweiligen Schwesterkirche (z. B. Akathistos-Gottesdienste an den Freitagen der vorösterlichen Fastenzeit, Maiandachten, Parakleseis-Gottesdienstes im August),
  • in gemeinsamen Wallfahrten zu Muttergottesikonen und Marienkirchen beider Kirchen (z. B. Muttergottes-Ikone in der Alten Kapelle zu Regensburg, Muttergottes-Ikone in der St.-Andreas-Kirche von Düsseldorf, Muttergottes-Gnadenkapelle in Altötting, Muttergottes-Ikone von der immerwährenden Hilfe in Redemptoristenklösternoder Pfarrkirchen, Ikone zur dreimal wunderbaren Mutter im Münster von Ingolstadt),
  • in einer gemeinsamen Wallfahrt in die Helena-Stadt Trier,
  • in einer gemeinsamen Wallfahrt nach Ellwangen zur Erinnerung an die Gefangenschaft des heiligen Methodios.

Zu all diesen Gottesdiensten gehört auch die geistliche Vorbereitung, z. B. durch Fasten.

Hinzu kommen weitere Veranstaltungen, die das im Gottesdienst Gefeierte vertiefen und einem größeren Kreis vermitteln können, z. B.:

  • gemeinsame Gedenkfeiern zur Erinnerung an die ersten Glaubenszeugen und Verkündiger der Frohen Botschaft,
  • Würdigung gemeinsamer Stadtpatrone (z. B. in Düsseldorf: St. Apollinaris von Ravenna; in München: St. Kosmas und Damian mit ihren Reliquien in der St.-Michaels-Kirche),
  • Symposien, die bei der Behandlung aktueller ökumenischer Themen die Heiligen und ihre Verehrung einbeziehen.

Schließlich besteht die Möglichkeit, den Gemeinden und einzelnen Gläubigen Anregungen und Impulse anzubieten, z. B.:

  • Vorträge oder Publikationen über Heilige, ihr Leben, ihre Verehrung und ihre Ikonen und Bilder,
  • Vorträge oder Publikationen über spezifische Heiligentexte, -lieder und Hymnen der jeweiligen Schwesterkirche (z. B. Allerheiligen-Litanei, Akathistos-Hymnus),
  • ökumenische Einkehrtage mit Heiligenthematik (z. B. über Heilige und ihr Zeugnis für ein christliches Leben in Familie, Beruf, Gesellschaft und Staat),
  • karitative Zusammenarbeit zwischen Pfarrgemeinden beider Kirchen (z. B. in Gestalt gemeinsamer vorweihnachtlicher bzw. adventlicher Wohltätigkeitsveranstaltungen zugunsten Notleidender unter dem Patronat des heiligen Nikolaus).

Die Verehrung der Heiligen vermag den Gläubigen beider Kirchen die Gabe zu vermitteln, einander noch näher zu kommen und sich gegenseitig noch mehr zu bereichern. Damit ist die Aufgabe verbunden, diese Gabe dankbar von Gott anzunehmen. Auf diesem Weg begleiten uns die Heiligen.

Die Gemeinschaft der Heiligen als Gabe und Aufgabe